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Am Freitag fand eine kuriose Berufungsverhandlung vor dem Schöffengericht am Stuttgarter Landgericht statt. Ein in Waiblingen wohnhafter Mann war von Ermittlern fotografiert worden, wie er Dutzendemale Kisten aus einer Drogen-Wohnung (u.a. 30 Kilogramm Marihuana wurden dort gefunden) trug, aber er es konnten bei ihm keine Drogen gefunden werden.

Von Alexander Kappen

Stuttgart. „Wir sehen bei Ihnen einen riesigen Tatverdacht, aber die Beweise reichen einfach nicht aus, sie in den Knast zu schicken“, sagte der Richter am Freitagnachmittag bei der Urteilsverkündung in Saal 8 des Stuttgarter Landgerichts. Vom Esslinger Amtsgericht war der Angeklagte bereits freigesprochen worden, aber die Staatsanwaltschaft hatte Berufung eingelegt. Der beschuldigte Yunus S. war während der Verhandlung immer wieder auf seinem Stuhl nervös hin- und hergerutscht. Kleinlaut gab sich der sonnengebräunte 50-jährige Türke, der im hellblauen Hemd und mit frischem Toupet erschienen war.

Er sprach während der Verhandlung so gut wie gar nicht und schaute immer wieder auf den Boden. Er schien Höllenqualen zu erleiden, denn der Schweiß rann ihm immer wieder vom Gesicht. „Auf den Fotos hatten sie noch eine Halbglatze, aber das Toupet steht ihnen gut“, lobte der Richter. Der Prozess mit vier Zeugen war aber alles andere alles als eine seichte, gutgelaunte Veranstaltung eher ein dramatischer Thriller, denn nur eine Aussage hätte gereicht, um den Angeklagten in die Justizvollzugsanstalt zu schicken, wo bereits neun Täter der Drogenbande sitzen.

In der Junkerstraße in Wernau (bei Esslingen) befand sich die Wohnung, die als Drogenbunker benutzt wurde. 30 Kilogramm Marihuana wurden dort im Januar 2021 von Polizeibeamten gefunden. Zudem 14 Kilogramm Haschisch, Haschisch-Öl, 270 Gramm Streckmittel und einen Rotationsverdampfer, wie er zum Herstellen von Drogen benutzt wird. „Wir haben dort auch Drogen hergestellt“, erinnerte sich der Zeuge, der Kopf der Bande.

Polizeibeamte hatten das Objekt in Zivil Wochen lang observiert und Fotos gemacht von allen Tätern. Bei der Festnahme war der Angeklagte nicht vor Ort und die Telefonüberwachung seines Handys hatte keine Beweise geliefert, dass er Mittäter war. Auch seine Wohnung in Waiblingen, wo er gemeldet ist, hatte eine Frau offiziell angemietet, sodass eine Durchsuchung nicht durchgeführt werden konnte.

„Er war nur zum Kaffee holen bei seinem Freund“, behauptete der Verteidiger Rechtsanwalt Kristian Frank. Dies führte zum Schmunzeln bei Staatsanwalt, Richter und den beiden Schöffen, die gemeinsam mit dem Richter schließlich das Urteil fällten.

14 Mal wurde der Angeklagte fotografiert, wie er Kisten und Tüten aus der Wohnung in Wernau trug. Eine Gesichtserkennung am Computer hatte den Angeklagten zweifelsfrei identifiziert. Ein Zeuge, der gerade in der JVA Bruchsal einsitzt, kam in Handschellen mit zwei Justizbeamten in den Saal. Mithilfe eines albanischen Dolmetschers schilderte der Kopf der Bande (er sitzt zehn Jahre) die Umstände in der Drogenwohnung: „Ich kenne den Angeklagte, aber der Typ hat niemals Drogen hinausgetragen.

Er hat für uns immer nur Kaffee geholt und Müll weggebracht. Die Wohnung wurde von uns nur als Drogenbunker genutzt, es gab kaum Möbel.“ Auch die beiden Polizeibeamte und der vierte Zeuge, ein Mitglied der Bande, der ebenfalls in der JVA Bruchsal einsitzt konnten den 50-jährigen Mann mit Toupet nicht eindeutig belasten.

„Wir haben keine Abnehmer von ihm ermittelt und auch sein Handy war sauber“, erinnerte sich ein 54-jähriger Sachbearbeiter der Kripo Esslingen. Der Staatsanwalt forderte in seinem Plädoyer zwei Jahre und zehn Monate Gefängnis.

„Der Angeklagte ist schuldig, davon ist die Staatsanwaltschaft überzeugt. Die Wohnung wurde nur als Drogenbunker benutzt, der Angeklagte wurde immer wieder fotografiert wie von dort Kisten hinaustrug, natürlich waren das Drogen, was denn sonst!

Zudem hatte die Telefonüberwachung ergeben, dass ein Yunus aus Waiblingen vier Kilogramm Marihuana verkauft hat. Wer soll denn das sonst sein außer der Angeklagte?“ Es half aber alles nichts und nach seinem rechtsgültigen Freispruch, der nicht mehr angefochten werden kann, rannte der Angeklagte erleichtert aus dem Saal und die Treppen-Stufen des Landgerichts hinauf zur Ausgangstür in die „süße“ Freiheit.  

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